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67_buchmesse_gloria

Neulich sprach mich einer dieser Obdachlosen an und erzählte mir seine Geschichte. Aber mitten im Satz brach er ab, holte aus seinem Beutel ein Buch und gab es mir. Es war der „Anton Reiser“ und ich entschloss mich, es zu lesen. Der autobiographische Roman ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine erkenntnisreiche Quälerei. Ich folgte dem jungen Held bei seinem Aufstieg aus den übelsten Verhältnissen hinauf in die kultivierte Welt – um dann aber zu bemerken, dass er nur die äußeren gegen die inneren Qualen austauscht. Er wird also mit jedem Schritt hinauf zum gebildeten Glück unglücklicher.

Da ich auf eine ganz naive Weise den Buchstaben glaube, entschied ich mich, mein intellektuelles Leben aufzugeben. Es hatte ja seinen Sinn ganz und gar verloren. Meine bisherigen Versuche zu wachsen und mich zu bilden, aus dem schmutzigen Gewässer hinauf, mit dem naiven Bestreben, eine Lotusblüte zu werden, war also kein Versuch, sondern ein Irrtum. Ich bleibe nun da, wo ich bin, im moorigen Gewässer. Es gibt ja ein seltsames Phänomen, auch davon las ich neulich. Wirft man einen Frosch in kochendes Wasser, strampelt er, um sich gegen sein Schicksal zu wehren. Aber erhitzt man ihn langsam, dann setzt er dem nichts entgegen, er wehrt sich nicht und stirbt. Das Fernsehen wird mich langsam erhitzen, es ist die beste Lösung für alle Probleme.

Zu dieser Einsichten kam es, weil ich so gern lese. Aber auch die Passanten schienen mir auf diesem Weg zu sein. Es ist paradox, aber ich bin lernfähig. Meine Bücher habe ich neulich also allesamt verkauft. Ich habe mir einen dieser überdimensionierten Fernseher gekauft, meine Wohnung ist nun darauf ausgerichtet. Mein TV ist der Altar, dem ich alles andere opfern werde. Das Fernsehen wird mich glücklich machen, weil ich mein Gehirn jeden Tag damit wasche. Für die großen Geister dieses Planeten habe ich nur noch milden Spott übrig. Waren sie etwa glücklich? Ich glaube vielmehr, sie Schnitten sich ein Ohr ab, zogen allein auf eine einsame Insel oder jagten vergebens einen weißen Wal. Sie beendeten ihr Leben, bevor es richtig begann. Sie lebten sieben Jahre in einem Sanatorium, hörten mit nur drei Jahren auf zu wachsen oder fanden jeweils ihre eigene Art, unter zu gehen. Alle endeten im magischen Theater. Aber ich gehe nicht unter! Ich tauche nun auf. Versteht Ihr? Nein, das tut ihr nicht! Schließlich habt ihr meine Zeilen gerade gelesen … um noch unglücklicher zu werden? Lesen macht dumm und gewalttätig. Habt ihr etwa keinen Fernseher? Schont Eure Augen, hört endlich auf mit der Lektüre! Quält Euch nicht. Verzichtet auf die Buchstaben. Natürlich jagen auch Euch die Geister, aber Ihr ahnt es nicht mehr, weil ihr bald erblindet sein werdet. Ich lebe auf der Schatzinsel, aber ich suche nichts mehr. Bald werde ich in einer Fernsehserie auftreten – und das wird meine Auferstehung sein.

Illustration: © Gloria F. Lauterbach

Text: Frank Berzbach