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im kuriositätenkabinett 3

66_langer

Am gestrigen Abend floh ich vor dem Platzregen in einen kleinen Laden, auf den ich in einer verwinkelten Gasse gestoßen war. „Selbstentfesselungskunst“ las ich an der vergitterten Glastür, die eisernen Buchstaben waren spiegelverkehrt angebracht. Sie fiel hinter mir so laut und schwer ins Schloss, dass ich erschrak. Hier war es völlig still. Die Wände waren aus rohem Beton, aber dunkel getüncht. Mir im Weg stand ein schwerer Kleiderständer, an den ich meine nasse Jacke hing und gleich auch meinen Pullover. Trotz der kühlen Einrichtung war es ungewöhnlich warm in dem lang gestreckten Raum, an dessen hinterem Ende ein Schreibtisch stand. Über ihm hing ein großer Spiegel und ich fragte mich, wie die Frau, die an ihm saß, arbeiten konnte, wenn sie sich ständig darin sah. Sie nahm mich kaum zur Kenntnis und ich ging ein paar Schritte weiter in den Raum, der auch eine Gefängniszelle hätte sein können. Die eigenartige Frau suchte einige Zeit und setzte dann mit ihren matt-schwarz lackierten, spitzen Fingernägeln ruhig ein weiteres Stück in ein vielteiliges Puzzle, dass ein Bild von Midori ergab. Sie schaute mich nicht bloß an, sondern musterte mich. Im T-Shirt kam ich mir nackt vor. Von den Tätowierungen auf meinem Arm schien sie enttäuscht, als vermisse sie ein geheimes Erkennungszeichen; dann sah sie auf meine Schuhe und ihr Blick haftete eine Zeit lang auf meinem Nietengürtel. „Sie sind hier, weil es regnet, nicht wahr?“. Ich war zu stolz, um das zuzugeben und schüttelte den Kopf. Sie ging zu einem Regal und nahm ein schwarzes Kästchen heraus, kam auf mich zu und öffnete es. Ich starrte sie an. „Trinken Sie einen Whisky, legen Sie das unter ihr Kopfkissen und morgen kommen Sie wieder und erzählen mir, wovon Sie geträumt haben.“ Da ich viel größer war als sie, schaute ich direkt in ihren tiefen Ausschnitt. Das Dekolleté zeigte tiefschwarze Tätowierungen, dessen Motive mir fremdartig erschienen. Ihre Unterarme zeigten feine Schnitte. Sie bemerkte meine Blicke sofort und nahm langsam meine Hand, drehte sie und schaute auf die Innenseite meines unversehrten Unterarmes. „Haben Sie eine Visitenkarte des Ladens?“, fragte ich nervös. Sie nickte und bevor ich reagieren konnte, kratze sie mich vom Ellbogen fast bis zum Handgelenk. Ich schrie kurz auf. Sie pustete sanft und ging zur Kasse, als wäre das eine Art Kundengespräch gewesen. Ich bezahlte und nahm das Kästchen. Auf der schweren Tür stand „Drück mich feste!“, ich stemmte mich erhitzt dagegen und stand wieder im Regen. Ich hatte meine Jacke vergessen, ging aber nicht zurück. Morgen werde ich ihr von meinen Träumen berichten, war mir aber jetzt schon sicher, wer darin vorkommen würde.

Illustration: © Vera Langer

Text: Frank Berzbach