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signal to noise

68_Signal_to_noise_Jasmin

Schwarzes Haar. Ich glitt die Treppe hinunter, vom Vodka erhellt und beleuchtet. Draußen wurde es wahrscheinlich hell, eine ferne Welt. An einer Ecke stieß ich gegen sie; mein Bier schwappte, aber die Tropfen trafen sie nicht. Sie verdrehte ihr Auge. Ich sah sie an, aus meinem Mund kam ein überraschtes Sozialgeräusch. Die Frau vor mir hob sich von der Masse ab. Ihre Augen. Leute drängelten an uns vorbei, schoben uns näher zusammen. Verwundert sagte sie etwas auf russisch. Ich sah sie an, und antwortete einfach. Sie lachte schon wieder, zog an meinem Haar, sagte noch einen Satz auf russisch. Ich nickte einfach. Sie hatte die ersten Töne von Orphx sofort erkannt und zog mich mit. Durch das Schwarz der Menschen erreichten wir die Tanzfläche, sie lies meine Hand los. Ich sah nichts, spürte aber die Musik. Meine Ohren wussten noch nicht, ob der Tinitus einen verführenden Rhythmus gefunden hatte oder ob mein Herzschlag sich nur anpasste. Ich versankt in der Musik und schloss die Augen. Am Ende des Stückes sprach ich russisch, wie in einem Traum, obwohl ich das niemals gelernt hatte. Vielleicht war es einfach in mich eingedrungen, mit der Musik, dem Vodka, ihrer Hand, die sich jetzt um meinen Hals legte wie die Arme eines Tintenfischs. Ich nahm ihre Hand und wir verschwanden im anderen Dunkel einer Treppe, die noch weiter nach unten führte. Sie flüsterte mir etwas ins Ohr. Und ich verstand.

Illustration: © Jasmin Acar

Text: Frank Berzbach