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summer is the matrix

Summer_Ganser

Husten. Ich hatte gehustet. Die halbe Nacht und am Morgen; ich zog los, tägliche Einkäufe – es gab keinen Stillstand, keine Pause vom Alltag, keine Pause vor Weihnachten, es war keine Krise, es war der Alltag und den interessierte weder Husten noch Kopfschmerz, es war ihm egal und ich brauchte etwas, um es aufs Brot zu legen, etwas, das den Kaffee aufhellte, etwas, womit ich meine Nase putzen konnte. Die Apotheke gewährte mir Einlass mit dem verlogenen Versprechen, das der Husten nachlassen würde. Gegen Husten hatte niemand etwas erfunden; wir flogen in den Weltraum, erfanden Chemiewaffen, spezielle Kleidung für Haustiere, es gab alles, aber es gab nichts gegen Husten. Ich schob die nasse Kapuze von meinem Kopf und spürte das eisige Wasser. Ich hielt an, blieb an der Straßenecke stehen, lehnte mich gegen die Hauswand. Der kalte Regen sickerte in meinen Kragen, er lief mir die Brust hinunter, ein stechend kalter Strom, er löste die nächste Attacke aus und ich hustete, krümmte mich. „Summer is the martrix, the lie, winter ist the truth …“, hieß es bei Gopnik. In meinem Bein zog etwas, in meinem Kopf pochte etwas, Kleingeld hatte ich nicht für den Einkaufswagen, den Zettel hatte ich zu Hause liegen lassen und die alte Frau rempelte mich einfach an und zur Seite, so dass sie ihre Brötchen vor mir kaufen konnte im Wettrennen gegen ihr fortgeschrittenes Alter. Sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren und was war schon mein Husten gegen ihre Kindheit, unter den Trümmern des Luftalarms, sie hätte meinen Husten getauscht gegen ein paar weitere Jahre Schnapstrinken in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann, der Jahrzehnte verraucht hatte in einer kleinen Eckkneipe. An der Eckkneipe stand ich und lehnte meinen schmerzenden Kopf an die Hauswand, von drinnen heraus die Schlager und die Rufe, die das Fußballspiel kommentieren, der Rauch von Billigzigaretten, die der Schwager mitbrachte, wenn er von Montage zurück kam. Dort saßen die Männer, deren Frauen mich im Supermarkt an der Kasse zur Seite schoben, weil sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten, aber eigentlich auch nie Zeit gehabt hatten, sie hätten meinen Husten getauscht. Ich hätte nicht getauscht, aber auch dieser Gedanke half mir nicht. Ich war kurz davor zu Boden zu sinken, wegen nichts, wegen eines Kopfschmerzes, vor Erschöpfung und durch das unablässige Husten in diesem Wohlstandsland, in dieser Schlaflosigkeit und diesem kalten Nieselregen hätte ich niedersinken können. Aber wohin? Was wäre unten gewesen auf dem grauen Beton, außer das verdreckte Wasser des eisigen Regens, der mir über die Brust lief, meinen Schal hatte ich vergessen, meinen Einkaufszettel hatte ich vergessen, das Kleingeld hatte ich vergessen. Ich lehnte an der Hauswand. Ich rieb meine Stirn kurz am rauen Beton, als würde mich dieses Gefühl ablenken vom Kopfschmerz. Ich wartete auf ein Signal. Ich wartete auf den Moment, in dem das schmutzige Betongrau aufriss wie ein Himmel und sich eine Einstiegspforte öffnete, durch die ich hinab gleiten könnte, auf einer Rutschbahn die mich schüttelte, durcheinander wirbelte und die mir diese Wintersachen einfach vom Körper riss, die immer wärmer werden würde und das Licht würde blau-grün schimmern. Ich rutschte. Ich sah hinauf zum gezackten Muster, in dem das Eis unter mir gebrochen war, ich war einfach eingebrochen in den hart zugefrorenen See. Ich sah das Licht und von unten die milchige Fläche, auf der sich die Rillen der Schlittschuhläufer zogen, ich hatte meine Schlittschuhe vergessen, war die Abkürzung über den See gegangen und war eingebrochen. War es die alte Frau gewesen, die mich aus der Schlange beim Bäcker weggedrängelt hatte? Hatte sie das Eis angesägt und mich hinaus geschickt, dass ich einbräche und sie zuschauen könnte, wie ich verschwand? Ich sank hinab ins eisige Wasser und spürte die Tropfen nicht mehr, die mir der Eisregen über die Brust gezogen hatte, spürte den Kopfschmerz nicht mehr, weil Wasser in meine Ohren schoss, spürte deine Hand, die mich in eine andere Richtung zog und ich sah hinauf zu der zackigen Luke. Aber durch sie fiel jetzt kein Licht mehr, es war Nacht geworden, ich sank hinab, aber etwas zog an mir und das war deine warme Hand. Auf dem Boden des Sees lag ein ausgemergeltes Skelett, mein toter Körper, ich sah ihn, in seinen Rippen hatte sich ein Anker verfangen. Ich sah das Seil sich hinauf schlängeln zu einem Boot, in dem wir beide lagen und uns ausstreckten, mitten auf diesem großen See, der gar nicht am Rande der Stadt lag, sondern mittendrin. Die Sonne schien auf das Boot und deine Hand umschloss meine, ein Grashalm in deinem Mund, ein Zigarette in deinem Mund, ein Streichholz in deinem Mund und meine Zunge in deinem Mund und später ganz anderes in deinem Mund, salzig und weiß und voller Begierde. Ich sank hinab, sah die gezackte Luke nur noch schwach in der Nacht, deine warme Hand zog mich hinab, bis wir auf diese Rutschbahn gerieten und zusammen darüber glitten, immer schneller hinab, um Kurven herum, fast wurden wir hinausgeschleudert, es wurde wärmer, dein Körper schnellte an mir vorbei und plötzlich flogen wir über eine Rampe, ich spürte die warme Luft, ich spürte in meinem Bauch das Fallen und wir schlugen auf den warmen Sand, an einer hellgrünen Wasserkannte. Ich schlug auf, aber sofort purzelte dein Körper mir verdreht entgegen, dein Kopf stieß gegen meinen Bauch, wir lachten. Wärme. Ich sah den Möwen zu, sie kreisten über uns wie glückliche Geier, wie Boten der Liebe, sie schrien und begrüßten uns in einem Paradies, aus dem wir vertrieben worden waren. Ich spürte die Hände auf meiner Haut, ich spürte, wie sie meine Verspannungen aus meinem Körper lösten, ich spürte plötzlich deinen Kuss, es war dunkel geworden, du hattest einfach die Kerze auf dem kleinen Nachttisch ausgepustet. Du hattest einfach ein Mon Chéri genommen, den Boden abgebissen und es auf meine Brust gelegt, du hast deine Zunge darüber fahren lassen und die Erregung stieg ins unermessliche. Das schönste Geschenk, dass ich dir jemals gemacht hatte, war eine beheizbare Decke gewesen, die im Winter das Bett in eine Höhle verwandelte, eine warme, ja heiße Höhle in die wir flüchten konnten, um in uns zu gleiten, um dem Seil, das vom Anker ausging, nach oben zu folgen, bis ich dich in das Boot zog und wir uns an den Tod gar nicht mehr erinnern konnten, bis ich mich an den Eisregen nicht mehr erinnern konnte, bis ich nicht mehr an der Hauswand lehnte mit Kopfschmerz und bis mein Husten einer schnellen, erregten, dem Orgasmus nahen Atmung gewichen war, die das Herz antrieb, dieses Herz, dass nicht dem Tod entgegen schlug, sondern dem Eintritt in das Paradies, ein Paradies, in dem ich dich wieder treffen würde. Ich würde mit verbundenen Augen über diese Rutschbahn gleiten, durch die Luft fliegen und im wagen Moment des freien Falls würde ich deine Hand spüren, die mich zog. Es war ein Sprung und du warst ein Fallschirm der sich öffnete, dein Mund öffnete sich, deine Beine öffneten sich und ich fiel hinein, ich bewegte mich und dein Keuchen wurde lauter, die Fesseln zog ich fester und du warst dankbar für die Schläge die dich trafen, Schläge der Erregung. Du hast die Kerze einfach ausgepustet, sie brannte auf dem Grund des dunklen winterlichen Sees und ich sah die Leine nicht mehr, die hinaufführte, und ich sah den Anker zwischen den toten Rippen nicht mehr. Du hast mich umarmt, deine Hand auf mein Herz gelegt und der eisige Regen, der über meine Brust lief, mit deiner Zunge einfach aufgenommen, dankbar, dass deine Hitze eine Milderung erfuhr, dankbar, dass die Energie in mich hinein floss, dankbar, dass ich das Band um deine Beine und Arme legte, mein Körper über deinen beugte und in dich fuhr, von ungebremster Erregung und Sehnsucht angetrieben. Ich zog den Anker aus den Rippen, schmiss ihn durch das geschlossen Fenster, die Scheibe zerbrach und die Glasscherben lagen auf dem Boden um unser Bett herum. Ich sammelte sie einzeln auf wie Teile deiner Seele, ich sammelte sie auf, setzte sie zusammen zu einer Skulptur, an der ich mich schnitt, aber du hast meinen Finger genommen und den Bluttropfen aufgeleckte, nur waren wir Blutsgeschwister. Nun würde uns nichts mehr trennen, was auch? Der Tod führte ins Paradies, der Eisregen lief meine Brust herunter, aber ich ging über den zugefrorenen See, um schneller zu dir zu gelangen und wartete auf das Einbrechen. Das Eis knackte, ich rieb meinen Kopf an der Hauswand, als sei das eine magische Handlung. Ich wusste, dass die alte Frau einmal jung gewesen war, dass sie ihren Liebsten geküsst hatte. Aber nun küsste ich dich, auf dem Grund des Sees, oben im Bot unter den Strahlen der Sonne, ich umschlang im warmen Wasser deinen Körper, ich schlug auf den Sand an der Kante zum hellgrünen Meerwasser und du bist gegen mich geprallt. Ich habe gelacht, dich genommen, schlief mit dir, ohne mich umzuschauen. Waren andere in dieser einsamen Bucht? Die Möwen, die vom Rhein kamen, kreisten über der schmutzigen Stadt und ihre Rufe erinnerten mich an das Paradies. Ich würde nur noch einige Jahre warten müssen, das Leben würde vorbei sein und das nächste musste in dieser Bucht beginnen oder in diesem Bett mit der Wärmedecke oder in diesem Hotelzimmer, in dem man erwacht, bevor man über die documenta läuft. Während unsere in Liebe verschlungenen Körper auf dem Grund des Sees lagen, viele Jahre schon verwest und in den Knochen meiner Rippen sich der Anker eines kleinen Bootes verfing, zogen wir ins Paradies. Dieses Paradies entstand, sobald ich an dich dachte, an deinen sonnigen Blick, an die Energie deines Herzens, deiner Schenkel, deiner Stimme, die mir zuredete und den Mut zurück brachte. Man konnte die Augen zusammendrücken und all das war da. Eine Frau stieß mich an. Meine halb gefüllte Einkaufstüte fiel zu Boden, das Glas mit dem Honig zerbrach, die Milchflasche zerbrach, das Glas mit Tomatensauce zerbrach und die drei Farben vermischten sich vor mir auf dem grauen nassen Beton. Ich starrte das Farbspiel an und verschwand in den Schlieren der Flüssigkeiten, als seien sie von uns; ich sank hinab und sah oben die Zacken des zerborstenen Eises, durch das ich eingebrochen war, ich sah die Scherben der zersprungenen Glasscheibe auf dem Boden des Hotelzimmers und sammelte sie auf, ich schnitt mich. Du hast ein Pflaster geöffnet, es um eine der Scherben geklebt und mein Finger verschwand in deinem Mund. Meine Zunge verschwand in deinem Mund und der Eisregen rann nicht mehr über meine Brust. Der Husten verschwand, mein Atem wurde ruhig, aber schneller unter deinen Berührungen, ich wischte dir den Sand von der Stirn, ich wischte dir die Schweißperlen von der Brust, ich biss den Boden eines Mon Chéri ab und legte es über deine Brustwarze, dein Stöhnen. Ich nahm dich erneut und den Bewohnern des Nachbarzimmers reichte es, sie klopften laut gegen die Wand, um sich über unsere Lust zu beschweren. Sie würden nicht einbrechen, sondern weiter über eine endlose Eisfläche laufen, ihr ganzes Leben lang ohne Hoffnung auf ein Ziel, ohne jemals im Sommer in einem Boot zu liegen, ohne die heißen Küsse und das Einziehen ins Paradies. Sie würden das alles niemals erleben. Sie würden alt werden und die Leute anrempeln, sie würden mich beim Bäcker aus der Schlange schubsen, damit sie vor mir an der Reihe wären und etwas kauften, dass ich selbst gar nicht mochte. Nun war ich an der Reihe und kaufte uns Brötchen und Croissants zum Frühstück, du hast den Crémant geöffnet und die Erdbeeren fielen in ein Sieb, das Wasser tropfe ab. Du hast eine Erdbeere genommen und in meinen Mund geschoben. Ich habe meine Zunge in deinen Mund geschoben und du hast gelacht, weil du irrsinnigen Hunger hattest. Aber wir kamen nicht zum essen, du hast einen Schluck getrunken und wir haben uns geliebt. Mein Magen knurrte, das Eiswasser lief über meine Brust und ich dachte, mir liefe das Blut in die Schuhe, ich dachte, ich könnte den Himmel nicht mehr sehen, weil seit Tagen alles nur noch Grau war. Ich vergaß die anderen Menschen und die alte Frau holte aus und rammte die spitzen Kanten des Ankers in meine Rippen, ich fiel aus dem Boot, mein Kreislauf sank ab, mir wurde schwarz vor Augen und meine Leiche sank auf den Grund des schmutzigen Sees, der mitten in der Stadt lag. Sie rissen den Anker hinauf und meine Rippe brach, vom vielen Husten. Ich war allein. Ich würde nicht weiter gehen können, mein Leben endete an der Ecke einer belanglosen Straße einer kleinen Stadt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Meine Tränen liefen über meine Wangen. „Komm mit nach Hause“, du bist mir entgegen gekommen und zurück gingen wir gemeinsam über die dünne Eisfläche, aber das Eis brach sofort und wir sanken hinab, im Gleiten wurde mir warm, ich zog meine dicken Wintersachen aus, ich zog deine dicken Wintersachen aus, ich spürte meine Hand über dich gleiten und deine Arme umschlossen meinen Rücken. Ich zog an deinen Haare und küsste dich. Wir waren auf dem Weg ins Paradies und diese Rutschbahn würde niemals an einer Hauswand enden, niemals würde ich aufschlagen auf den grau-nassen Beton, um hier mein Leben zu beenden. Ich ging einfach weiter. Ich hatte den Einkaufszettel vergessen und griff betäubt ins Regal. An der Kasse legte deine Hand eine Flasche Crémant auf das Band, ich lächelte dich an, ich nickte. Du liefst zurück zum Regal, wir hielten die anderen auf, die Normalsterblichen, dann kamst du atemlos an und wir kauften eine Flasche Crémant, Mon Chéri und nichts anderes, wir brauchten nicht mehr. Ich werde nichts anderes mehr brauchen, außer dich und eine Flasche Crémant, die Zeit und das Absinken, diese Bucht in der Bretagne und die schreienden Möwen, deine nackte Haut und Kerzenschein. Das war das Paradies, mehr gab es nicht. Das alles war nicht mehr Teil des Lebens, es war das Paradies. Und das lag im Jenseits, es begann an der Ecke einer Straße, an einer Kneipe für alte Leute, die billige Zigaretten rauchten, um ihre Frauen zu vergessen, das Paradies begann an einer rauen Hauswand, an der ich meinen schmerzenden Kopf rieb. Ich hustete. Ich hustete, dass meine Rippen schmerzten. Du hast mir einen Kuss auf die Narbe gegeben, die mich an den herausgerissenen Anker erinnerte, das war lange her gewesen, aber die Narbe blieb. Alle Narben blieben. Nur der Sonnenbrand verging, den wir uns holten oben im Boot auf dem sommerlichen See, in der Bucht in der Bretagne oder einfach vor einem Laden sitzend, wenn wir rauchten. Frische Luft wehte durch das offene Fenster des Hotelzimmers. Die Scheibe war wieder gerichtet und der See nicht mehr zugefroren. Ich lies meine auf dem Boden zerschellten Einkäufe liegen, nahm eine der Zigaretten heraus und zog daran. Das Menthol des Rauches provozierte mein Husten, aber das machte nichts. Der Schmerz war da, aber er war nicht mir. Ich suchte die Schlittschuhe und ging hinüber zum weihnachtlichen See. Sie passten mir nicht mehr, meine Füße hatten sich verändert, von den langen Spaziergängen entlang der Wasserkannte. Mein Fuß versank. Ich hatte dir ein Bein gestellt und du warst in den warmen Sand gefallen und ich war über dich her gefallen und du hast gelacht und dich gedrehte und es fand kein Ende. Es hatte aufgehört zu Regnen. Der Himmel riss auf, und im Grau erschien ein schmaler Streifen zartes Blau. Über den Wolken, da müsste man sein. Eine Möwe schnellte hervor. Und endlich stürzten die Schwalben hinab, der Sommer war da, sie zischten kreischend an mir vorüber und erinnerten mich an dich. Ich lächelte. Ich hatte Husten gehabt damals, im frühen Winter, ich hatte Sehnsucht gehabt nach dem Leben, das ich nicht mehr spürte. Die alte Frau kam an mir vorüber und grüßte freundlich. Die Hauswand bot meinem Rücken halt, ich setzte mich einfach auf den Boden, der von den Sonnenstrahlen erwärmt war. Ich würde hier warten, bis du vorbei kommst. Es konnte nicht mehr lange dauern. Ich würde dich umarmen und küssen, dich entführen und wir würden sogar den Winter überleben. Ich würde Husten, aber du würdest meine Brust einreiben mit einer Salbe, die nach Salbei und Thymian roch. Ich würde deine Brust einreiben mit Crémant, Du würdest mich küssen, bis mein Körper einfach vergaß, zu husten. Ich goss dir Tee ein, an deinen Handgelenken noch die Striemen den Nacht. Deine Hand umschloss die Teeschale und hielt die Zigarette. Ich liebe, wenn du rauchst. Im Hotelzimmer musst du unbedingt rauchen, auch wenn das verboten ist, auch wenn wir nie rauchen. Es ist verboten: der Husten ist verboten und die Kälte, die Sehnsucht ist verboten und ich und du und das Leben sind verboten. Das Glück ist verboten. Das alles ist viel zu gefährlich, Glücklich sein ist gefährlich und wem es zu gut geht, den bestraft das Leben. Über einen zugefrorenen See gehen. In einem Boot sich der Sonne aussetzen. Sich im Sand lieben. Es ist alles verboten. Die Welt verbietet es und wir verbieten es. Andere verbieten es. Aber das hat alles keine Bedeutung. Wir werden ins Paradies einziehen, es dauert nicht mehr lange. Wir leben noch, ein paar Jahre, aber dann wird sich der Boden öffnen, wenn ich hustend und verzweifelt an einer Hauswand lehne, der Eisregen mir die Brust hinunter läuft und keine Hand da ist, die mich hält. Ich greife ins Leere und verfehlt die Hand wie bei einem unglücklichen Sprung vom Trapez. Der Boden wird sich öffnen, wir werden einbrechen und hinabsinken in die Keller unserer Häuser, hinauffahren ins Penthouse eines Luxushotels, im Garten liegen und nebeneinander durch die Stadt gehen. Ich werde dir die Klamotten vom Körper reißen und dich lieben. Du wirst mir die Klamotten vom Körper reißen und mich lieben. Unten auf dem Grund des Sees, was ist dort eigentlich? „Ich weiß es nicht, man kann nicht bis hinab sehen“; du hast dich über die Kannte des kleinen Bootes gelehnt. Als auch ich hinunter sah, kippte das Boot und wir fielen ins warme Wasser. Wir schwammen einmal herum, und kletterten wieder hinein. Die Abendsonne, die milde Wärme. „Ich habe Hunger“, du hast genickt. Aber wir blieben, um den Sonnenuntergang zu sehen. „Ich werde hier bleiben, hier auf dem See.“, du hast mich ungläubig angeschaut. Du hast eine der Zigaretten genommen und ich habe ein Streichholz über die Fläche gezogen und der milde Rauch stieg empor. Ich habe das Streichholz zwischen meine Zähne gesteckt und gegrinst wie ein Kobold. Ich zog mein Ringelshirt über. Hier sind wir nun und wir haben die Mitte des Sees nicht mehr verlassen. Wir sprechen mit den Schwalben, die über uns hinweg schnellen. Die Möwen fliegen hinaus und erzählen unsere Geschichte. Man wird auf dem Grund des Sees unsere Körper finden, irgendwann, ineinander verschlungen.

Foto: © Miri Ganser / München.

Text: Frank Berzbach