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unter einem dach

69_Unter_einem_Dach_Saskia

Das kleine Cottage lag an der Küste Irlands, zwar im Nirgendwo, aber dennoch stand jeden Morgen eine Flasche frische Milch vor der alten Tür. Sie lag ausgestreckt im Hauskleid auf dem großen Sofa des Wintergartens. „Der zweite Satz ist lang und mich stört da was …“. Ich las weiter und lies ihre Nörgelei auf jeden meiner Sätze prasseln. Sie hob ihr tätowiertes Bein und streckte es in die Luft um den Nagellack ihrer Fußnägel zu inspizieren. Ich trank einen Schluck und versuchte mich auf den Text zu konzentrieren, aber sie lenkte mich zu sehr ab. Nach zwei weiteren Sätzen sagte ich der Fee, wie schön sie sei. „Du willst nur ablenken!“, sie setzte sich auf und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht nur mit dem Text, sondern auch mit mir streng war. Sie holte einen ihrer selbstgebackenen Versöhnungskeks und steckte mir den in den Mund. Sie legte sich hin und ich folgte ihr. Der Herbstregen prasselte nun auf das Glasdach und zeitverzögert kam mein Kompliment bei ihr an. „Aber über das Ende musst du nachdenken, ja?“ Ich fuhr mit meiner Fingerspitze entlang der Kontur ihrer Tätowierung und löschte die Kerze. „Nein, am Ende wird alles gut – so soll es sein!“

Illustration: © Saskia Inka Wragge

Text: Frank Berzbach