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vikuscha liest

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Sie lebte mit zwei Spinnen und einer Unmenge an Magazinen zusammen, die sie sich von einem spezialisierten Buchladen in Berlin zusenden lies. In meiner Vorstellung hatten Russinnen schon mit 15 alle Klassiker gelesen und bewegten sich blind über die Höhenkämme zwischen Puschkin und Nabokov. Vikuscha aber lachte über das Klischee und hatte genau zwei Bücher in ihrem Leben freiwillig gelesen, und zwar die eines völlig unbekannten Autors, der in unzeitgemäßer Weise über Kreativität nachgedacht hatte. Mich störte ihre Romanferne, da sie selbst eine Figur aus „Ada oder das Verlangen“ hätte sein können, geheimnisvoll und verwegen. Der einzigen Leidenschaft, der sie lesend aber verfiel, waren Briefe. Sie machte es mir damit einfach. An einem langen Sommerabend begann ich Dostojewskis „Idiot“ abzuschreiben, in blau-schwarzer Tinte und auf cremefarbene A3-Bögen. Ich schrieb in lesefreundlichen Spalten und versuchte sie durch meine Handschrift zu betören. Zwischen einige Passagen, die mir besonders gefielen, schrieb ich mit Bleistift in Klammern meine eigenen Gedanken und arbeite so an einer persönlich kommentieren Ausgabe für sie. Als ich den Brief abgeschickt hatte, rechnete ich die Seitenzahlen um und mir wurde klar, dass ich etwa 950 handschriftliche Seiten vor mir hatte, wenn ich den ganzen Roman in Briefe verwandeln wollte. Ohne eine milde Form von Wahnsinn verliert das Leben seinen Sinn. Einige Tage später fand ich in meinem Briefkasten einen Brief von ihr mit einer Fahrkarte für zwei Personen. Sie wollte mit mir von Berlin nach St. Petersburg mit einem Fernreisezug fahren. Auf der beiliegenden Postkarte las ich: „Damit du keine Sehnenscheidenentzündung bekommst!“. Ich konnte ihr schließlich schlecht Briefe schreiben, wenn ich neben ihr saß. Also legte das Lesezeichen an die Stelle im Roman, bis zu der ich gekommen war und schrieb ihr eine Widmung hinein: „Für unsere Reise!“.

Illustration: © Freda Fyrtaarnet Meier

Text: Frank Berzbach