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vikuschas kino

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Vikuscha liebte Filme und der heutige gefiel ihr, weil sie nichts verstand. Eine Frau schlug sich durch einen Parcours von Ereignissen, denen aber der Zusammenhang einer Heldenreise fehlte. Jedenfalls handelte es sich um eine Protagonistin, die selbst Schauspielerin war und täglich zum Set fuhr. Nur ließen sich die Ebenen nicht mehr unterscheiden. Sie sollte die Sterbeszene spielen – eine unscheinbare Frau rammte ihr einen Schraubenzieher in die Seite. Sie brach sofort zusammen, kroch auf allen Vieren und spuckte Blut auf die Sterne des Sunsetboulevard. War das ein Teil der Handlung des Filmes im Film? Vikuscha saß angespannt in ihrem Sitz, die Musik setze ein, verriet aber nichts über den Handlungsverlauf.

Auf dem Weg nach Hause war sie verstört und wich den Passanten aus. Immer, wenn sie aus dem Kino kam, entdeckte sie Ähnlichkeiten zwischen den Figuren der Leinwand und den Menschen auf der Straße. Nach FIRE WALK WITH ME setzte sich Bob in der Bahn neben sie. Vikuscha war aufgesprungen und umgriff fest das kleine Kreuz, dass an ihrer Kette baumelte. Nun glaubte sie, dass jede zweite Frau, die ihr entgegen kam, unter ihrem Mantel schon den Schraubenzieher griffbereit hielt. Nach einem erotisch aufgeladenen Film von Erika Lust hatte sie einfach einen Mann in einer totschicken Bar angesprochen, ihn mit nach Hause genommen und eine verruchte Nacht durchlebt. Am nächste Morgen wollte sie seinen Namen gar nicht erst wissen, schrieb aber in ihr Tagebuch wie immer die Eindrücke des Films und auch, was sie in der Nacht daraus erprobt hatte. Die Handschellen baumelten morgens am Bettpfosten. Sie hatte, wie im Film, graue Dessous getragen. Er ging kommentarlos und sie setzte sich auf ihren gemütlichen Balkon und rauchte drei Zigaretten, zupfte am Lavendel und roch an ihren Händen. Das schwule Pärchen gegenüber hörte laut Musik, eine Mozart-Oper. Sie träumte sich tief hinein in einen der frühen Filme von Eric Rohmer, ging schließlich zurück in ihr Bett. Sie zog das weiße Hemd eines Mannes an, der einmal bei ihr übernachtet hatte. Ihr Kopf drehte Filme und sie fiel in Träume, die sie nicht nachzuerzählen wusste, aber dennoch waren ihre Erfahrungen verblüffend real. Gleich würde ein gelangweilter, rauchender Kerl klingeln, sie zu seinem Kabriolett bringen und sie würden durchbrennen. Sie öffnete ihr Notebook und reservierte wieder Karten für die Abendvorstellung, damit ihr Film nicht riss. Sie stand auf und ging hinüber zu ihren Spinnen. Aber dann hielt sie inne und ging zurück. Das müssten sie noch einmal drehen. Sie stand also ein zweites Mal auf, zog das Hemd aus und ging erneut hinüber zu den Terrarien. Jetzt war die Szene im Kasten und sie lächelte die selten zu sehende Spinne an, deren Beine in einem unwirklichen blau schimmerten. „Du wirst in der nächsten Folge von Alien mitspielen“ …

Illustration: © Lena Klein

Text: Frank Berzbach