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vikuschas netz

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Ich kannte die Stadt nicht, wo schlafen? Der erste Herbstregen, ich irrte umher und rief schließlich die einzige Person an, die ich hier kannte. Kennengelernt hatte ich sie auf einer endlosen Zugfahrt durch Birkenwälder, aber um ehrlich zu sein, kannte ich nur ihre Mutter. Die war eine weise Freundin geworden, die mir immer wieder irritierende Briefe schrieb, in denen sie mich durchleuchtete. Ihre Tochter war wunderschön, aber sie war damals aus dem Zug ausgestiegen, ohne dass ich mit ihr ein Wort gewechselt hatte. Nun würde ich sie kennen lernen. Vikuscha ging ans Telefon; ich könne bei ihr übernachten, das sei kein Problem. Sie kannte mich aus den Erzählungen ihrer Mutter. Ich kaufte eine Flasche Vodka und klingelte. Sie öffnete in einem schwarzen Hauskleid und selbst die zierlichen Pantoffeln unterstrichen ihre Weiblichkeit. Sie nahm mir die Flasche aus der Hand, schüttelte nur den Kopf und griff in ihr Gefrierfach, um eine andere herauszuholen. Wir tranken und ich lernte Vodka zu trinken.

Sie spielte mir Musik vor. „Love Triangel“ von HTRK lief und ich bekam eine Gänsehaut bei der Erinnerung an den Videoclip; mich faszinierten die filigranen Klänge, aber sie machten auch Angst. Dieser digitale und sich seicht bewegende, schwebende Nebel, der die Wohnung akustisch einhüllte; die Klänge von Scorn und Locust. Sie bewegte sich auf den Klangwellen, als seien es die Fäden eines unsichtbaren Netzes. Ich war abgelenkt und wurde unsicher. Ich war hineingeraten in diese Wohnung, in ihre Fänge, wie in ein Spinnennetz. Sie reichte mir ein weiteres Glas, ich trank und sank zurück ins Sofa. „Schlaf hier, auch wenn das Sofa zu kurz ist. Ich bin drüben, hol mich, wenn du Angst hast.“, sie ging und schloss leise die Tür. Wovor sollte ich Angst haben? Ich schloss die Augen und fühlte ein Kribbeln in meinem Nacken. Das Licht der Straßenlaterne fiel ins dunkle Zimmer.

Da sah ich sie! Sofort über dem Sofa, auf dem ich mich ausgestreckt hatte, stand ein Terrarium. Mir war das nicht aufgefallen, weil sich nichts bewegte. Aber nun, im Dunkel, schlichen lautlos zwei große Spinnen ganz nah am Glas entlang. Sie hielten inne, als würden sie mich ins Visier nehmen und überlegen, wie sie mich aufteilten. Ich bewegte mich genau so langsam wie sie und krabbelte ans andere Ende des Zimmers. Meine Angst vor Spinnen war uralt, ich würde sie in dieser Nacht nicht los werden. Nicht einmal der Vodka half. Kein Auge tat ich zu, die großen Tiere streiften in ihrer Bleibe umher und schmiedeten Pläne. Mir fielen die Augen immer wieder zu, aber ich hielt mich wach. Die Tür öffnete sich leise, sie sah mich und lächelte. „Komm schon rüber, Angsthase“; ich behielt die beiden Achtbeiner im Blick und folgte ihr langsam ins Schlafzimmer. Ich schloss die Tür und drehte den Schlüssel herum; und fiel in den tiefen Schlaf eines blumigen Vodkas. Die Tiere mussten auf ihr Nachtmahl verzichten, aber Vikuschas Netz entkam ich nicht.

Illustration: © Lena Klein

Text: Frank Berzbach