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vikuschas perlen

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Drei Tage schon fuhren wir in dem Abteil durch die endlosen Birkenwälder, aber plötzlich war sie da. Ich sah die Frau vor mir sitzen. So aufrecht konnte sich schlafend nur eine Russin halten. Ihre feinen Hände hielt sie im Schoß gefaltet wie zur Meditation, die dunkle Sonnenbrille gab keinen Blick auf ihre Augen frei. Waren sie wirklich geschlossen? Sie trug hoch schwarze Klamotten; einen feinen, spitzen Kragen, der mit glänzenden dunklen Perlen versehen war. Hohe Wangenknochen; lange, hochgesteckte Haare. Ich wollte sie unbedingt fotografieren, aber zögerte. Ich hielt ihre Schönheit kaum aus; ich musste ein Foto dieses perlenbesetzen Kragens, dieser roten Lippen schießen. Aber neben ihr saß eine schroff wirkende alte Frau, ich dachte mir für sie boshafte Berufe aus. Eine Pfandleiherin.

Ich konnte die Schlafende nicht fotografieren, weil die Alte neben ihr dann vielleicht Krakeelen würde und mich verraten. Ich schloss wieder die Augen. Ich war nicht mutig genug und erinnerte mich an den Ausspruch meiner treffsicheren Cousine: „Man sollte dir das Wort Feigling auf die Achillesferse tätowieren.“ Als ich erwachte schob die Schönheit mit einem Ruck die Schiebetür zu; sie stand bereits auf dem Gang. Aber sie richtete durch die Glastür ihre Kamera auf mich und drückte ab. Sie ging und sprang aus dem Zug. Ich war verwirrt, ja verärgert. Sie hatte mir meinen Wunsch gestohlen und nahm das Foto nun mit in ihre sibirische Ewigkeit. Die Alte tippte mich an, schüttelte den Kopf, aber lachte. Sie schraubte ihre Thermoskanne auf und goss Tee ein, der nach Zimt roch. Sie reichte mir eins der kleinen Gläschen. „Russische Frauen sind klug, junger Mann. Merk es dir, bevor du aussteigst!“. Ich trank und mir wurde warm. Vodka wäre mir lieber gewesen, um meine Gefühle zu betäuben. Ein blumiger Vodka, von dem man wissen musste, wie man ihn richtig trank. Irgend eine Frau würde es mir beibringen. Ich griff in meine Tasche und öffnete die Schokolade. Ich reichte sie der Alten, die noch immer über mich lachte. „Vikuscha ist klug, merk es dir …“.

Illustration: © Manja Kühn / Hamburg.

Text: Frank Berzbach